Weinbrand

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Der Weinbrand hat eine große Familie

Wer über Weinbrand spricht, sollte seine Worte mit Bedacht wählen, denn wenn es um Spirituosen aus Wein geht, hat alles seine eigene, feine Bedeutung. Dies mag daran liegen, dass die Menschen der Weinbrandherstellung bereits gute tausend Jahre nachgehen. Wahrscheinlich gebührt dem Weinbrand sogar das Verdienst, die erste aller Spirituosen überhaupt zu sein. Er bildet also den Anfang unserer hochgeistigen Kulturgeschichte und verbindet dieser Art Länder und Traditionen, Geschmäcker und Epochen.

Denn die Familie des europäischen Weinbrands ist zahlreich und umfasst – wenig überraschend – die großen Weinnationen des Kontinents. In Griechenland und Spanien, in Italien und Frankreich sowie Portugal und Deutschland hat die Spirituose aus Wein ihr Zuhause – nur um an dieser Stelle die größten Weinbrandnationen zu nennen. Die Namen der Familienmitglieder haben Klang und Ruf in der so genussreichen Spirituosenwelt. Cognac und Armagnac, Brandy und Weinbrand heißen sie zum Beispiel.

Branntwein, Brandy & Weinbrand

Zurück zu den Worten, die fein auseinanderzuhalten sind. Die deutsche Sprache kennt den Branntwein, der jedoch nur in Teilen etwas mit Weinbrand zu tun hat, da er gebrannte Spirituosen ganz allgemein bezeichnet. Zugespitzt ließe sich folglich sagen, dass der Weinbrand ein Branntwein aus Wein ist. Dieses Wortspiel treibt die Verwirrung nur noch weiter. Doch was sagt der geschriebene Buchstabe des Gesetzes aus?

Die Spirituosenverordnung der EU kennt die Kategorie Brandy oder Weinbrand“, die maßgeblich für viele Mitglieder der europäischen Familie ist – aber für den Deutschen Weinbrand oder gar den Pfälzer Weinbrand eben nicht. Diese Bezeichnungen folgen nämlich eigenen Regeln, die wiederum den Status einer geschützten Herkunftsangabe für sich beanspruchen können. Doch wo liegen die Unterschiede?


Der feine Unterschied: Prozente, Reife und Zusätze

Vielleicht ist es der Prozentsatz an Mindestalkohol, der als erster Unterschied ins Auge fällt. So verlangt der EU-Brandy oder Weinbrand nach mindestens 36 % vol Alkohol, hingegen der Deutsche Weinbrand und der Pfälzer Weinbrand mindestens 38 % vol Alkohol vorweisen müssen. Ein weiterer Unterschied gilt für die Lagerung und Reife im Holzfass. Der Weinbrand nach EU-Verordnung reift in Eichenholzbehältern mindestens ein Jahr lang. Bei kleineren Eichenholzfässern, die weniger als 1000 Liter fassen, besteht eine Mindestreife von sechs Monaten. Beim Deutschen und dem Pfälzer Weinbrand kommen große Fässer, also Fässer, die mehr als 1000 Liter Fassungsvermögen aufweisen, nicht zum Einsatz. Und für die „kleineren“ Fässer mit weniger als 1000 Litern gilt die doppelte Mindestreifezeit, sprich mindestens zwölf Monate.

Ein weiterer Unterschied zwischen Weinbrand und Brandy gemäß der EU-Spirituosenverordnung sowie den geschützten Herkunftsangaben Deutscher und Pfälzer Weinbrand besteht in den sogenannten Typagestoffen, die für die Bonifikation des Weinbrands zum Einsatz kommen. Gemeint sind damit natürliche Zusatzstoffe, die helfen, das typische Geschmacksbild des Brandy oder Weinbrands verlässlich zu wiederholen. Eine Marke, ein spezieller Weinbrand, soll schließlich stets von denselben Aromen geprägt sein und gleich schmecken. Daher ist die Zugabe sogenannter Typagestoffe zulässig, wobei diese von Land zu Land variieren. Bei einem Deutschen Weinbrand können Auszüge aus getrockneten Pflaumen, noch grünen Walnüssen und getrockneten Mandelschalen dem Destillat zugefügt werden. Zuckerkulör hingegen ist – anders als es die europäische Definition vorsieht – den beiden Weinbrand Vertretern aus Deutschland untersagt.


Weinbrand: Herstellung mit Finesse

Streng genommen beginnt der Prozess mit dem Erzeugen des Brennweins. Der Wein darf ausschließlich aus den in der EU respektive in Deutschland für die Weinherstellung zugelassenen Rebsorten hergestellt werden. Allerdings ist es beispielsweise in Deutschland praktisch nicht möglich, ausschließlich auf heimische Weine zurückzugreifen. Dafür gibt es schlichtweg zu wenig deutschen Wein. Daher werden traditionell bereits fertige Brennweine eingeführt, gern auch aus der französischen Charente. Nun erfolgt der Destillationsprozess, der traditionell in das Brennen des sogenannten Raubrands sowie des sich anschließenden Feinbrands unterteilt ist. Im Grundsatz handelt es sich dabei um eine Veredelung des Brands, da durch die zweite Destillation nicht gewollte Stoffe wie Fuselöle entzogen werden. Vom zweiten Brennvorgang verwendet der Brennmeister – wie auch bei der Herstellung anderer Qualitätsspirituosen üblich – nur den Mittellauf, das qualitätsmäßige Herzstück der Destillation.

Der Weinbrand ist nun ein wasserklares Destillat von rund 70 % vol Alkohol. Erst während der Reife in Eichenholzfässern nimmt er seine Färbung an. Der Austausch mit dem Holz, meist Limousin-Eiche, verfeinert sein Aroma, macht es vielschichtiger und verleiht dem Weinbrand Balance und milde Töne. Selbstverständlich verbringen die besten Weinbrände wesentlich mehr Zeit im Holzfass als es die gesetzlichen Mindestdauer vorschreibt. Dafür ist der Einfluss der Reife auf die Qualität viel zu groß. Die Altersangabe besitzt bei einem Weinbrand ebenso Aussagekraft wie bei einem Cognac oder Whisky.

Die Kunst der Vermählung

Besondere Verantwortung für den fertigen Weinbrand trägt der Kellermeister. Seine Aufgabe ist es, die unterschiedlichen gelagerten Weindestillate in genau jenem Verhältnis zusammenzubringen, das dem Geschmacksbild des Weinbrands entspricht. Dazu muss der Kellermeister die sensorischen Eigenschaften aller in Frage kommenden Fässer genau kennen. Bei den gehobenen Qualitäten greift er bei der Vermählung der Destillate selbst auf verschiedene Jahrgänge zurück. 

Eine Praxis, die dem Weinbrand ohne Frage zu Gute kommt, aber keinen Einfluss auf die Altersangabe der Spirituose hat. Für diese Zahl ist stets das jüngste der verwendeten Weindestillate maßgeblich. Ist die Komposition endlich perfekt – oder das Blending wie ein Whiskybrenner sagen würde – lagert der fertige Weinbrand noch kurze Zeit im Holzfass, bevor er abgefüllt wird. Jetzt steht dem Genuss nichts mehr im Wege.


Vom Winbrant zum Kognac und Weinbrand

Vom Winbrant ist schon in Konstanzer Urkunden aus dem 14. Jahrhundert zu lesen. Doch die Prägung des Begriffes Weinbrand so wie er heute verwendet wird, erfolgt erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bis dahin ist es gang und gäbe, auch in Deutschland hergestellte Weindestillate als Cognac oder Kognac mit „K“ zu bezeichnen. Noch das deutsche Weingesetz von 1909 spricht vom „deutschem Kognac“. Diese Anlehnung an die Franzosen geht mit dem Versailler Vertrag allerdings endgültig perdu, und es bedarf einer neuen offiziellen Bezeichnung. Da kommt der Weinbrand gerade recht. 

Das deutsche Wort tut der Beliebtheit keinen Abbruch, ganz im Gegenteil der Weinbrand avanciert nach dem Ersten Weltkrieg zur Lieblingsspirituose der Deutschen und lässt den französischen Cognac bis in die 1950er Jahre weit hinter sich. Generationen lernen den Weinbrand als genussreichen Abschluss einer geselligen Mahlzeit zu würdigen. Später kommt der Weinbrand auch zu Longdrink-Ehren, indem er mit Cola, Tonic oder Soda gemischt und auf jeder guten Party gereicht wird. Mittlerweile feiert der Weinbrand auch in der Barszene sein Comeback und konkurriert wieder mit Cognac, Brandy und Armagnac um seinen Platz in einschlägigen Cocktail-Klassikern. Blickt man auf alle in Deutschland konsumierten Spirituosen nimmt die Gruppe mit Weinbrand, Cognac und Armagnac immerhin 5,8 Prozent ein. (Quelle: Daten aus der Alkoholwirtschaft 2021 des BSI).

Genuss in Maßen

Edelspirituosen wie ein Weinbrand sind auch in kleinen Mengen ein riesiger Genuss. Daher gilt für ihn wie für seine internationalen Verwandten auch, dass es stets um bewussten, maßvollen Genuss geht. Mittlerweile liegt das Augenmerk aber nicht mehr nur auf dem Prozentsatz des Alkoholvolumens, sondern auch auf den Nährwertangaben für eine Spirituose. Bei einem Weinbrand oder Brandy mit 36 % vol Alkohol sind dies übrigens bei 20 Milliliter 40 Kilokalorien oder 165 Kilojoule. Bei einem Deutschen Weinbrand mit 38,0 Prozent werden daraus 42 Kilokalorien oder 174 Kilojoule. Glücklicherweise trinken wir jedoch keine Zahlen, sondern gönnen uns mit einem Weinbrand eine einzigartige Spirituose, die zu dem Besten zählt, was ins Glas kommen kann.